Hirnphysiologie

Funktionsstörungen im Gehirn

Die Ursachen von ADS/ADHS auf Hirnebene sind noch nicht endgültig geklärt. Es gibt derzeit nur Erklärungsmodelle, die sich auf eine fehlerhafte Informationsverarbeitung innerhalb bestimmter Hirnabschnitte beziehen.
Normalerweise werden Reize von außen (optische, akustische und haptische) zunächst auf Relevanz gefiltert und dann anderen Hirnanteilen zur Verarbeitung zur Verfügung gestellt. Bei ADHS Kindern kommt es zur Überflutung von Reizen häufig mit überschießenden motorischen Anteilen, bei ADS Kindern entfällt die hypermotorische Antwort.
Durch die Reizüberflutung kann es zu Ideenflucht, Gedankensprüngen und Konzentrationsstörungen kommen. Die gezielte Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema ist sehr leicht irritierbar unter anderem mit der Folge von Lernstörungen.
Die Reize werden unzureichend gefiltert, nicht auf Wesentliches begrenzt. Diese Arbeitsweise des Gehirns führt dazu, dass immer wieder neue Gedanken entstehen, die letztlich nicht zu Ende gedacht werden können. Eine vorausschauende Handlungsplanung ist somit nur eingeschränkt möglich.
Nachdem normalerweise die Hirnanatomie ungestört ist, wird heute davon ausgegangen, dass die Ursache von ADS/ADHS in einem Ungleichgewicht von Botenstoffen, so genannten Neurotransmittern (in erster Linie von Dopamin und Noradrenalin), zu sehen ist.
ADS/ADHS scheint also kein anatomisches, sondern ein funktionelles Problem zu sein.

Therapieansatz

Aus dem bisher Gesagten erschließt sich der Therapieansatz. Substanzen, die gewisse Neurotransmitter zur Verfügung stellen, könnten die Hirnfunktion bei ADS/ADHS normalisieren. Zu diesen Substanzen gehören bestimmte Medikamente, die ursprünglich als Aufputschmittel (entwickelt im Zweiten Weltkrieg für lange Kriegseinsätze von Piloten) gedacht waren. Diesen Drogen hängen selbstverständlich viele Vorurteile an, wie Suchtentwicklung, Illegalität oder Partydroge.
Und wie immer gibt es natürlich bei Vorurteilen ein Körnchen Wahrheit. Werden Aufputschmittel ohne vernünftige medizinische Oder psychologische Indikation genommen, kommt es in der Regel zu Suchtentwicklung. Diese Stoffe müssen illegal besorgt werden und finden sich in der Partydroge Ecstasy wieder.
Ist die Indikation klar, wie zum Beispiel bei ADS/ADHS, wird man weder Suchtentwicklung beobachten, noch müssen diese Medikamente illegal besorgt werden.
Tritt ein Teil des gewünschten Effekt nach 4-8 Wochen nicht ein, werden diese Medikamente ersatzlos gestrichen. Eine Suchtentwicklung konnte ich bei Kindern niemals beobachten, allein sehr lästig ist die Verordnung auf so genannten BTM Rezepten.
Diese Medikamente sind zugelassen bis maximal zum 18. Lebensjahr und sollten dann auch nicht mehr notwendig sein. Das Hirn hat in der Zeit der Behandlung gelernt, dass es erfolgreicher sein kann mit Konzentration auf das Wesentliche. Ich meine, dass dieser Effekt bei den meisten Kindern auftritt und eine Weiterverordnung von Ritalin nicht mehr notwendig ist. Wenige Ausnahmen allerdings bestätigen diese Regel.

Genetik

Es gibt Hinweise auf genetische Belastungen bei ADS/ADHS. So scheinen 10-15 % der nächsten Familienangehörigen von Kindern mit dieser Störung ebenfalls betroffen zu sein. Bei Zwillingsstudien zeigten 80 % der eineiigen Zwillinge die gleiche Störung, wohingegen nur 30 % der zweieiigen Zwillinge diese Störung aufwiesen. diese Störung scheint auch nicht auf einem Gen codiert zu sein, sondern scheint multimodal auf mehreren Genen angelegt zu sein.
Auffallend ist, dass die Störung bei Jungen häufiger vorkommt als bei Mädchen und dass das Ansprechen auf medikamentöse Therapie unterschiedlich wirksam ist.