psychosoziale Kofaktoren

verschärfende Randbedingungen

Psychosoziale Einflüsse können die Ausprägungen von ADS/ADHS verändern. So sind Kinder in einer positiven und fördernden Umgebung trotz ihrer Störung besser in die Schule zu integrieren, ihre Leistungen sind durchweg erfreulicher und es folgt ein schnelleres Umdenken bezüglich Förderung von Ressourcen. Diese Kinder haben allgemein eine bessere Chance in ihrer Zukunft.
Negativ wirkende Faktoren sind psychische Krankheiten der Eltern, allein erziehende Elternteile, familiäre Instabilität, Inkonsequenz in der Erziehung, häufige Bestrafungen, fehlende Regeln, unstrukturierter Tagesablauf, ungünstige Wohnverhältnisse und niedriges Familieneinkommen.
Falls möglich sollte der Therapieansatz auch auf einer Korrektur dieser psychosozial negativen Umgebung beruhen. Zugegeben, häufig ist hier kaum eine Änderung der Situation möglich. Den Eltern sollte jedoch die Mitursache dieser Lebensumstände bewusst sein, damit von ihrer Seite alles Mögliche zur Verbesserung der Bedingungen für ihre Kinder unternommen werden kann.

politischer Ansatz

Bei zwei besonders negativ wirkenden Faktoren, wie ungünstige Wohnverhältnisse und niedriges Familieneinkommen, würde vorausschauende Staatsführung einiges bewegen, wenn denn die Regierungen hier überhaupt etwas bewegen wollen. Die gewaltigen Steueraufkommen werden zu einem nicht unerheblichen Teil in Industrien als Subventionszahlungen gesteckt, so zahlt auch der kleine mit wenig Familieneinkommen große Industrien, die eigentlich ohne den Staat überleben können müssten. Für die mittlere und untere Schicht der Bevölkerung wird von Staatsseite kaum etwas sinnvoll angeboten. Die in letzter Zeit geschaffenen Jobs zur Verbesserung der Arbeitslosenstatistik (ein Euro Jobs, alle Jobs im Niedriglohnsektor) fördern nicht das Familieneinkommen, das nötig wäre, um den Eltern mehr Zeit für ihre Kinder zu geben. Nicht ausreichende Hartz IV-Regelungen, Export von Jobs ins Ausland usw. verschärfen die finanzielle Situation betroffener Familien erheblich.
Ausreichend angepasster Wohnraum steht derzeit auch nicht mehr zur Verfügung. Vor 40 Jahren noch konnte ein Familienvater mit einem Familieneinkommen (die Mutter musste nicht arbeiten) ohne weiteres eine passende Eigentumswohnung finanzieren. Durch die seit Jahrzehnten statt gehabte Inflation sind die realen Löhne gesunken (auch wenn politische Interessengruppen dies ablehnen), weshalb Familien in den unteren Einkommenschichten jetzt auch am Wohnraum sparen müssen.
Hier wäre Politik gefragt, endlich etwas für die Bürger und nicht nur alles für die Konzerne zu unternehmen. Der Bürger hat keine Lobby, weil er kein Geld hat die Politik von seinen Rechten und Ansprüchen zu überzeugen.

psychologische Betreuung

Früher unternahm die Großfamilie die Erziehung und Förderung der Kleinen. Die Großfamilie hat sich aufgelöst im schlimmsten Fall zu Ungunsten von einer Mutter, einem Kind und kein Einkommen. In dieser Atmosphäre kann man sich eine vernünftige Aufzucht von Kindern kaum noch vorstellen. Früher war Konsequenz in der Erziehung ein Leitmotiv, Regeln beherrschten das Familienleben, der Tagesablauf war zwangsweise strukturiert, die Familien waren vollständig, Scheidungen gab es nur selten. In diesem engen Korsett von Bindung hatten auch die ADS/ADHS Kinder ausreichend Platz. Wesentliche Erziehungsaufgaben wurden auch von der Oma und den Geschwistern übernommen. Heute erzieht nur mehr einer/eine, kann sich zwar in einer Fülle von Erziehungratgeber und Zeitschriften Informationen holen, ohne dass damit schon Erfahrungswerte verbunden wären. Diese Art von Erziehung führt zu Inkonsistenz und Inkonsequenz und verpasst damit das Ziel der Verhaltensänderung durch Erziehung.
Eine angepasste psychologische Betreuung in den Familien fehlt, wahrscheinlich würde sie nicht einmal fehlen, wäre die Finanzierung gewährleistet. Psychologen oder psychologische Berater müssten in die Familien gehen und sinnvolle Erziehung lehren. Leider gibt es auch derzeit keine speziellen Ausbildungen für eine Erziehungsoptimierung. Auch hier wäre die Politik erneut gefragt.

die Schule

Vom 6. bis 16. Lebensjahr befinden sich Kinder normalerweise in der Schule. Das heißt sie verbringen mehr Zeit mit Mitschülern und Lehrern als zuhause bei den Eltern. Hoch motivierte Lehrer könnten bei kleinen Klassenstärken durchaus mehr Engagement für die ADS/ADHS Kinder aufbringen, wäre nicht der unsägliche Bürokratismus, der sinnfrei zurzeit den Menschen aufgedrückt wird. Viel schneller als früher geraten die Lehrer in einen nachvollziehbaren Burn Out der ihnen auch das letzte ihrer bisherigen Motivation raubt. Unter den jetzigen Voraussetzungen kann Schule leider keine Hilfe bei ADS/ADHS Kindern sein. Diese brauchen Zuwendung, dazu sind kleine Klassenstärken notwendig und ein hohes Motivationspotenzial der Lehrer.
Auch hier ist die Politik gefragt endlich einmal etwas für die Bürger zu tun.

die Medien

In den letzten 40 Jahren gab es einen gewaltigen Paradigmenwechsel in der Medienlandschaft. Zunächst waren Medien relativ seriöse Informationsquellen und boten seichte Unterhaltung, wie Krimis (wie der Alte) und Musiksendungen (wie der Musikantenstadl). In den letzten Jahren änderte sich das hauptsächlich durch die Jagt nach Quoten. Die Amerikaner lebten uns die Soaps (wie Dallas) vor und unsere deutsche Medienlandschaft zog nach. Die größten Renner sind derzeit geschmacklose Shows, leere Quizsendungen, und aufwändige Hollywoodblockbuster. Die Kontrolle der Eltern über die Zeit, die die Kinder vor dem Fernseher verbringen, wurde ersetzt durch die Kontrolle der Kinder über die Eltern. Die Eltern schauen häufig gemeinsam mit den Kindern mit einem völlig unangemessenen Zeitaufwand stundenlang fern und denken sich so in eine irreale Traumwelt ein. Die Nervosität und Hektik der Sendungen überträgt sich zwangsläufig auf das Verhalten von Kindern und Eltern und bestätigen damit auch das ADHS (die Aufmerksamkeit ist defizitär und es besteht Hyperkinetik, wie in den Sendungen).
Bunt gemischte Medieninhalte prasseln zusammenhangslos auf ein sich noch organisierendes Hirn ein. Diesem Potpourri wird das noch wachsende Hirn über mehrere Stunden täglich ausgesetzt. Da Hirn nichts besser kann als lernen, und dies in jungen Jahren auch fleißig tut, ist es nicht verwunderlich, dass diese medial vorgelebten Muster kritiklos übernommen werden.
Fast möchte man meinen, dass diese Art von Hirnwäsche politisch gewünscht ist. Allein die Politik wäre in der Lage diesem verrückten Treiben Einhalt zu gebieten.